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Elisabeth-Schmitz

Dr. Elisabeth Schmitz (1893-1977) war eine besondere Berliner Lehrerin, eine äußerst kluge, mutige, weitsichtige und scharf analytisch denkende Frau, die schon sehr früh erkannte, dass die „Judenfrage“ für die Kirche und besonders für die Bekennende Kirche, der sie angehörte, ein zentrales Thema sein sollte, so dass sie für die Bekenntnis-Synode im September 1935 eigens eine Denkschrift verfasste. Ihre Denkschrift gehört zu den wichtigsten Dokumenten aus der der Zeit der Bekennenden Kirche.

In dieser Denkschrift schreibt sie kurz nach dem Erlass der Nürnberger Gesetze: „Man nimmt … durch grausame Gesetze den Menschen die Erwerbstätigkeit, man zieht die Schlinge langsam immer enger zu, um sie allmählich zu ersticken, man weiß, sie werden verelenden und schützt sich beizeiten davor, die Opfer dieser Grausamkeit dann vielleicht unterstützen zu müssen.... Die Beispiele genügen, um zu zeigen, dass es keine Übertreibung ist, wenn von dem Versuch der Ausrottung des Judentums in Deutschland gesprochen wird.“

Leidenschaftlich versuchte sie, ihre Kirche wachzurütteln: „Was soll man antworten auf all die verzweifelten, bitteren Fragen und Anklagen: warum tut die Kirche nichts? Warum lässt sie das namenlose Unrecht geschehen? Wie kann sie immer wieder freudige Bekenntnisse zum nationalsozialistischen Staat ablegen, die doch politische Bekenntnisse sind und sich gegen das Leben eines Teiles ihrer eigenen Glieder richten? Warum schützt sie nicht wenigstens die Kinder... Und wenn die Kirche um ihrer völligen Zerstörung willen in vielen Fällen nichts tun kann, warum weiß sie dann nicht wenigstens um ihre Schuld? … Menschlich geredet bleibt die Schuld, dass alles dies vor den Augen der Christen geschehen konnte, für alle Zeiten und vor allen Völkern und nicht zuletzt vor den eigenen künftigen Generationen, auf den Christen Deutschlands liegen.“

Sie machte auch aus ihrer Überzeugung keinen Hehl, „dass - sollte es dahin kommen - mit dem letzten Juden auch das Christentum aus Deutschland verschwindet“ wie sie in einem Brief vom 24. November 1938 an Helmut Gollwitzer schrieb.

Es ist erstaunlich, dass Elisabeth Schmitz bei diesen offenen Worten nicht selber von den Nazis verhaftet und in ein KZ gesperrt wurde. Nach den Novemberpogromen blieb sie ab dem 10. November 1938 dem Unterricht an dem Beethoven-Gymnasium in Lankwitz fern, ließ sich zunächst krankschreiben und sandte am 31. Dezember 1938 ihren Antrag auf Frühpensionierung mit der Begründung ab: „Es ist mir in steigendem Maße zweifelhaft geworden, ob ich den Unterricht bei meinen rein weltanschaulichen Fächern - Religion, Geschichte, Deutsch - so geben kann, wie ihn der nationalsozialistische Staat von mir erwartet und fordert“ und wurde zum 1. April 1939 in den Ruhestand versetzt.

Nachdem sie 1943 ausgebombt worden war, ging sie nach Hanau in ihr Elternhaus zurück, wo sie am 10. September 1977 starb. Kaum jemand wusste, wie mutig diese Frau versucht hat, ihre Kirche, die Bekennende Kirche, davon zu überzeugen, sich für ihre „nichtarischen“ und jüdischen Schwestern und Brüder einzusetzen.

Es ist an der Zeit, dass wir uns an diese mutige und weitsichtige Frau, die sich auch nicht scheute, selber Jüdinnen zu verstecken, erinnern. Sie wäre eine geeignete Namenspatronin für unsere Gemeinde.

Ute Hagmayer

Die Zitate sind dem Buch von Manfred Gailus (Hrsg.), Elisabeth Schmitz und ihre Denkschrift gegen die Judenverfolgung. Konturen einer vergessenen Biografie (1893-1977), Berlin 2008, entnommen. Zwei Jahre später erschien das Buch vom selben Autor: Mir aber zerriss es das Herz. Der stille Widerstand der Elisabeth Schmitz, Göttingen 2010 (2. Aufl. 2011).

Letzte Änderung am: 05.05.2021