Zur Hauptnavigation springen Zur Suche springen Zum Inhalt springen
RSSPrint

Predigt anlässlich der Umbenennung

von Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein

Ostermontag, 18. April 2022, Evangelische Emmaus-Kirchengemeinde Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein zu Lukas 24

****************************************************************************
Gott schenke Euch erleuchtete Augen des Herzens, damit Ihr erkennt zu welcher Hoffnung Ihr berufen seid!

Liebe Geschwister, Emmaus - ein mehr als nur ein guter Namen für eine Gemeinde, für Ihre Gemeinde! Ein Name, der nicht einfach nur einen Ort irgendwo in der Nähe von Jerusalem bezeichnet, sondern eine kleine Erzählwelt in sich birgt, in der sich das ganze biblische Geschehen verdichtet. Diese Emmaus-Geschichte gehört zu meinen absoluten Lieblingsgeschichten aus der Bibel und gerade in diesen Tagen ist sie mir besonders kostbar. Diese Erzählung von den Emmaus Jüngern gehört zum Ostermontag - ähnlich wie die Geburtsgeschichte Jesu zu Weihnachten, oder die Auferstehungsberichte zum Ostersonntag gehören.

Erst wirft sie uns noch einmal ein Stück zurück vor das Ostergeschehen in die Trauer hinein – und an anderen Osterfesten fiel mir dieser Rückschritt oft schwer, dieses Mal fühlt es sich richtig an in einer Zeit, in der uns die Schreckensbilder des Krieges drohen, hoffnungslos machen.

Ja, erst einmal wirft sie uns zurück vor das Ostergeschehen, aber dann führt sie uns heraus, hinein in das fassungslose Staunen über das Osterwunder der Auferstehung.

Mir kommt diese Erzählung so nah, weil sie einen Weg beschreibt, den wir alle mitgehen können, nicht nur einmal, sondern immer wieder auf unseren persönlichen Lebenspfaden: den Weg der Jünger Jesu von Jerusalem nach Emmaus. Der äußere Weg beträgt ungefähr elfeinhalb Kilometer. Der innere, der innere ist unvermessbar!

Die beiden Männer laufen in den Abend hinein und sie gehen ihren Weg schwer von Traurigkeit. Sie reden miteinander, verzweifelt und ratlos beklagen sie ihren Verlust. Jesus, aus dem sie ihre ganze Lebenszuversicht, ihre Freude, ihre Energie geschöpft hatten ist tot. Grausam ermordet. Alles, was es vorher an übersprudelndem Leben gab, ist schlagartig versiegt.

Der Tod ist nicht zu begreifen, er kommt für die, die zurückbleiben unfassbar, selbst wenn alle Zeichen schon auf ihn hingedeutet haben.

Jesus stirbt und mit ihm sterben auch große Hoffnungen. Die beiden Männer sehen keine Zukunft mehr, alles haben sie verloren. Darum gehen sie fort aus der Jerusalemer Gegenwart.

Zurück in ihre Vergangenheit. Sie gehen zurück an den Ort, aus dem sie gekommen sind. Zurück, weil sie in Jerusalem nichts mehr sehen, was nach vorne, was in die Zukunft weisen könnte.

Ausgeträumt sind ihre Träume von einer neuen lebenswerteren Welt, einer Welt in der die Menschen füreinander Augen haben, in der jeder eine Chance hat, seinen Platz zu finden, weil sich die Menschen umeinander bemühen, eine Welt in der nicht Rücksichtslosigkeit, sondern Fürsorge, ja die Liebe das erste und das letzte Wort hat.

Vorbei die Hoffnung auf ein Land, in dem Frieden einzieht und Gerechtigkeit sich mehr und mehr durchsetzt. Die bittere Macht des Todes ist stärker, die Gewalt hat gesiegt, Verzweiflung und Furcht machen ihre Herzen eng und verhängen ihre Blicke. 

Zwei Männer gehen von Jerusalem nach Emmaus zurück in ihre Vergangenheit. Denn ihre Gegenwart hat keine Zukunft mehr. Sie reden miteinander, um ihre Trauer fassen zu können und um den Abschied, der so entsetzlich schmerzt, zu bewältigen.

Da begegnet ihnen Jesus, der Auferstandene.

Ihre Augen sind verhangen vor Schmerz und in ihrer blinden Trauer erkennen sie ihn nicht, halten ihn für einen Fremden.

Dieser vermeintlich Fremde lässt sich von ihnen ihre ganze Geschichte noch einmal erzählen. Alles, was sie verzweifelt macht, kann raus, kann Worte und Sprache finden. Die Trauer muss nicht in ihnen hinabsinken und sich im Untergrund ihrer Seelen festsetzen, von wo aus sie das Leben der Freunde weiter verschatten und verdunkeln würde.

Die Trauer kann ans Licht. Die bittere Karfreitagsgeschichte, all das Elend, der Schmerz und all die Wut. All die enttäuschten Hoffnungen. Der Fremde hört geduldig zu.

Mir kommt die Geschichte so nah, weil sie realistisch beschreibt, wie Menschen eingeschnürt sind in Angst, fest gezurrt in der furchtbaren Situation, in die ihr Leben geraten ist. Mir kommt sie so nah, weil sich die Angst und Hoffnungslosigkeit so vieler darin spiegelt.

Das Entsetzen über den Krieg in der Ukraine, die Fassungslosigkeit über die Bilder, die wir jeden Tag aus den Kriegsgebieten in den Nachrichten sehen, die Wut über den russischen Präsidenten und seine Gefolgschaft, die das Leben so vieler Menschen gefährden und zerstören und unsere eigene Machtlosigkeit. Sie halten auch uns gefangen.

Es gehört eine gewisse Kraftanstrengung dazu, sich dem nicht vollkommen hinzugeben, sich nicht einfangen zu lassen von dem Schrecklichen, das unser Leben, aber in erster Linie das Leben der Menschen in der Ukraine gerade bestimmt. Es fühlt sich an wie ein Sog, und die Gefahr besteht, blind zu werden vor Entsetzen und vor Angst - keinen Blick mehr zu haben für die göttliche Gegenwart, die mitgeht, auch auf diesem Weg.

Wie gut, wenn es dann Menschen gibt, die einfühlsam fragen. Wie gut, wenn das, was in uns ist, zu Worten, zu Sprache werden kann. Wie gut, wenn die Trauer, der Schmerz, die Wut ans Licht kann und ein anderer geduldig zuhört.

Zurück zu den beiden Jüngern: Kleopas und sein Freund fühlen sich durch das Reden und Zuhören merkwürdig getröstet. Als der Abend kommt und sie Emmaus erreichen, bitten sie ihren Weggefährten, bei ihnen zu bleiben. Denn mit ihm hat sich etwas verändert und der Tag geht seinem Ende zu, hat sich geneigt- wie es dort so wunderbar poetisch heißt.

Sie sind in ihrer Vergangenheit angekommen. Zuhause, dort wo Wunden heilen können. Wo der Schmerz abklingt, sie Ruhe finden und schlafen können.

Gleichzeitig kribbelt da etwas, sie spüren, dass von diesem Fremden, der mit ihnen diesen Weg geteilt hat, etwas ausgeht, das sie erfasst und etwas in ihnen löst, verändert. Sie merken, dass er ihnen hilft mit andern Augen auf ihre Situation zu schauen, mit ihrer Trauer zu leben, ihr vielleicht mit der Zeit die Bitterkeit zu nehmen.

Jesus schlägt die Bitte zu bleiben nicht ab. Und bleibt.

Wie gut, wenn wir Menschen finden in solchen Momenten, Menschen, bei denen wir uns trauen zu sagen: Bleib bei mir! Menschen, die nahe bleiben, die ein offenes Ohr haben, die passenden Worte, tröstlich, wenn der Tag sich neigt und es Abend wird. Jesus bleibt. Und dann sitzen sie am Tisch.

Als Fremder nimmt er das Brot.

Er bricht es, er gibt es ihnen.

Und da gehen ihnen die Augen auf. Sie erkennen den Lebenden. Jesus, den tief Vertrauten. Und dieser Moment, dieses Erkennen, das reicht für ein Leben und darüber hinaus - und so mag er vor ihren Augen verschwinden, aber nicht aus ihren Herzen.

Beeindruckend, dass die beiden Jesus genau da erkennen, wo sie miteinander das Brot teilen. In dieser Art der Gemeinschaft am Tisch mit Jesus geschieht dieser Emmaus-Moment.

Ein Moment, in dem ein neues Verstehen in ihnen aufkeimt und sich ausbreitet: sie brauchen seine leibliche Nähe nicht länger. Der Emmaus- Moment, in dem Sie verstehen, er ist und bleibt bei uns, anders, aber bei uns. Der Emmaus Moment, in dem ihnen die Augen geöffnet werden, sie sich erinnern und ihnen mit einem mal klar wird, was sie da eben erlebt haben: Brannte nicht unser Herz als er mit uns redete auf dem Weg und uns die Schrift öffnete? Spürten wir nicht seine Nähe?

Alle Enttäuschung, die tiefe Müdigkeit aus Trauer und Verzweiflung, die sie gefangen gehalten hatte, fällt von ihnen ab. Sie sind hellwach und energiegeladen. Die beiden Männer laufen noch in dieser Nacht zurück nach Jerusalem. Der Vollmond beleuchtet am Himmel ihren Weg, die wechselnden Pfade mit Schatten und Licht.

Sie laufen zurück aus ihrer Vergangenheit in die Zukunft. Aus ihrem Herzensschmerz in die Zuversicht. Aus ihrer Resignation ins Staunen, in die aufkeimende Lebensfreude.

Die Geschichte, die sie mit Jesus erlebt haben ist noch nicht zu Ende. Und in Jerusalem hören sie von den anderen, dass auch Simon Petrus Jesus gesehen hat.

Er lebt – der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden. Die Trauer weicht, das Leben blüht auf, es gewinnt neue Perspektiven.

Die Zukunft ist wieder da, liegt offen vor ihnen. Mitten in der Nacht geht ihnen die Sonne auf.

Das sind die Emmaus-Momente, Momente von Klarheit und Zuversicht. Deshalb ist mir diese Geschichte so nahe, weil sie nicht verschweigt, dass das Entsetzen und die Trauer Teil unseres Weges sind, weil sie aber auch den Blick offen hält für die Lebenszeichen, für alles hoffnungsvolle, das aus diesem Schweren hinaushilft.

Gut, dass Ihre Gemeinde jetzt diesen Namen tragen wird.

Sie haben auch einen Weg hinter sich, der von Auseinandersetzungen geprägt war, auf dem Weg gab es Verletzungen, die tief getroffen haben. Es war auch ein Weg, der von Verlust und Trauer geprägt war. Die Querelen, die es in der Vergangenheit gab, sie gehören zu diesem Prozess und sie gehören auch zu Emmaus. Wege der Trauer und des Abschiedes gehören immer noch zu unserem Leben. Aber in der Emmaus-Geschichte passiert etwas Entscheidendes: Der Weg bleibt nicht dunkel, erneuerte Gemeinschaft beleuchtet ihn und sie wirft ihr Licht bis zu uns heute.

Bei der Einweihung Ihrer Kirche 1935 spielte das Bibelwort aus der Geschichte „Bleibe bei uns!“ eine zentrale Rolle. Eine Bitte, der wir uns alle verschrieben haben: Bleibe an unserer Seite Jesus, lass uns Deine Gegenwart spüren und hilf uns, Dich nicht aus dem Blick zu verlieren, selbst wenn die Zeiten sich verdunkeln! Bleibe bei uns, schenke uns Mut und Herzensgröße, damit wir bezeugen und weitergeben, was Du uns geschenkt hast.

Emmaus - ein Name, der die große Verheißung in sich trägt.

Letzte Änderung am: 08.05.2022